Private Stromkonsumenten unter der Lupe

Lässt sich der Stromverbrauch in den Privathaushalten stabilisieren oder senken – wie vom Bundesrat beabsichtigt – trotz steigender Bevölkerung und wachsendem Gerätepark und Komfort? Diese Frage untersuchen derzeit zahlreiche Schweizer Stromversorger in teilweise aufwändigen Pilotprojekten.

 

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Die Schweizer Privathaushalte müssen Strom effizienter nutzen, wenn die Stromnachfrage (oberste Linie) nicht mehr steigen soll. Wie genau?
 

In drei von vier Schweizer Haushalten übernimmt heute der Geschirrspüler den Abwasch. Über ein Drittel besitzt zwei Fernseher und zwei PCs. Selbst vier Computer in einem Haushalt sind keine Seltenheit mehr – iPad & Co lassen grüssen. Die neue Studie des VSE zum Stromverbrauch in den Privathaushalten zeigt: Die Anzahl der elektrischen Geräte hat in den Schweizer Haushalten zwischen 2005 und 2011 weiter zugenommen.

 
 

Zwar haben die meisten elektrischen Geräte punkto Energieeffizienz deutlich zugelegt. Neueste Kühlschränke der Kategorie A+++ benötigen heute nur noch so viel Strom wie eine Energiesparlampe. Doch der stetig wachsende private Gerätepark hat bisher dazu geführt, dass die Stromeinsparungen bei der Energieeffizienz durch den Mehrverbrauch wieder „weggefressen“ wurden.

 

Testlabor Schweiz
Gefragt sind also neue Ideen, wie die privaten Stromverbraucher zu einem haushälterischen Umgang mit der Ressource Strom motiviert werden können. Die Stromversorger haben eine Vielzahl von Pilotprojekten und Studien lanciert, um diese Frage zu untersuchen. Die Stromkunden werden unter die Lupe genommen, befragt und vermessen – die Schweiz gleicht aktuell einem energetischen Testlabor.

 
Den Stromverbrauch mit Smart Meter
jederzeit im Blick (Bild ewz)

Smart Meter – Wissen allein reicht nicht
Echzeit-Information über den Verbrauch im eigenen Haushalt ist eine wichtige Voraussetzung für das private Stromsparen. Dies zeigt ein Smart Meter-Pilotprojekt der EKZ in Dietikon, das noch bis im Mai läuft: Kunden, die ihren Stromkonsum auf einem Visualisierungsgerät in Echtzeit verfolgen konnten, haben ihren Verbrauch um 2 bis 3 Prozent gesenkt. Bei einer anderen Gruppe, die bloss eine monatliche Stromabrechnung zugestellt bekam, zeigten sich kaum Spareffekte. Der Effizienzgewinn in der Grössenordnung von einigen Prozenten deckt sich mit verschiedenen weiteren Pilotprojekten dieser Art. Angesichts der hohen Investitionen in die Hightech-Geräte ist dies ein eher bescheidenes Resultat.

 
Das Energieeffizienz-Portal der BKW als
Basis für den nachbarschaftlichen Wettstreit

Stromverbrauch als Nachbarschaftswettkampf
Einen innovativen Ansatz verfolgt die BKW mit ihrem Projekt „Oscars Energiesparwelt“. Rund 100‘000 Privatkunden haben im vergangenen November einen Brief erhalten, in dem ihr Stromverbrauch mit demjenigen von vergleichbaren Haushalten in ihrer Umgebung verglichen wird. Die Schaffung einer nachbarschaftlichen Konkurrenzsituation  –  im Stile von: „Wussten Sie, dass Sie 15% mehr Strom verbrauchen als ihr Nachbar?“ – könnte sich als erfolgreicher Weg erweisen, die Verbraucher für das Thema Energieeffizienz zu sensibilisieren. Darauf deuten zumindest die über überraschend hohe Zahl von 12‘000 Anmeldungen auf dem Online-Portal der BKW hin. Dort sollen die Privatkunden künftig ihre selbst abgelesenen Stromdaten eintragen. Sie werden nun mit immer neuen Anreizen und Wettbewerben motiviert, „dran zu bleiben beim Strom sparen“. Verschiedene verärgerte Stromkunden machen jedoch deutlich, dass diesem Eingriff in die Privatsphäre Grenzen gesetzt sind. Es gibt Stromkunden, die weder motiviert noch sensibilisiert werden möchten und jegliche Art von sozialem Vergleich als Zumutung empfinden.

 

Energieberatung als Service public
Hersteller- und produktneutrale Energieberatung, beispielsweise für Hauseigentümer, hat in der Schweizer Strombranche seit langem Tradition. Ein gutes Beispiel dafür ist die in der Nordwestschweiz tätige Genossenschaft EBM, die seit Jahrzehnten jedes Jahr mehrere Tausend Privatpersonen kostenlos berät. Behandelt werden dabei Fragen der effizienten Energienutzung oder des Einsatzes erneuerbarer Energien. Das Grundprinzip lautet „Freiwilligkeit statt Zwang“. Zwischen 5 und 10 Prozent der Bevölkerung, so die Erfahrung der EBM, ist heute bereit, zugunsten des Umweltschutzes tiefer in die eigene Tasche zu greifen. Diese Quote trifft bei EBM auch auf die Ökostrom-Käufer zu. Um sparsame Stromverbraucher noch stärker zu belohnen, hat die EBM per Anfang 2012 zudem den fixen Grundpreis bei der Energie abgeschafft. Der Preis für die Energie ist damit rein verbrauchsabhängig und belohnt Kunden, die grundsätzlich wenig Strom konsumieren.


Noch einen Schritt weiter gehen die Genfer Stadtwerke SIG: Im Rahmen der grossangelegten Energieeffizienz-Initiative éco 21 haben sie seit 2009 über 2500 Privathaushalte mit tiefem Einkommen nicht nur energietechnisch beraten, sondern auch gratis mit neuen Energiesparlampen ausgerüstet. Damit konnten bisher 0,9 Gigawattstunden Strom eingespart werden. Bis Ende 2012 sollen es rund 4000 Haushalte und eine Verbrauchsreduktion von 1,4 Gigawattstunden sein. Der Ersatz der seit Anfang 2012 verbotenen Glühbirnen ist übrigens schon weit fortgeschritten. Dies zeigt die Haushaltstudie des VSE: Zwischen 2005 und 2011 ist der Anteil der Glühbirnen unter allen verwendeten Beleuchtungsmitteln von 53% auf 32% gesunken.

 
 

Von Hightech bis simpel
Die Bereitschaft, neue Wege einzuschlagen, um die Energieeffizienz in den Privathaushalten zu verbessern, ist gross in der Schweizer Strombranche. Die Zürcher ewz vergleicht in einer Studie mit 5000 zufällig ausgewählten Haushalten, die bis Ende 2012 läuft, gleich fünf verschiedene Methoden, um ihre Kunden für Energieeffizienz zu sensibilisieren. Selbst kleine Stromversorger wie die thurgauischen Technischen Werke Märstetten zeigen sich experimentierfreudig: Das Dorf mit knapp 1500 Haushalten schenkt jenen drei Haushalten, die ihren Jahresverbrauch 2012 um 20% oder mehr reduzieren, den gesamten Strom fürs kommende Jahr. Auch hier haben zehn Prozent der Kunden Interesse gezeigt, sich diesem einfachen Wettbewerb zu stellen.

 

Eigenverantwortung der Stromkunden bleibt zentral
Das Beispiel der verärgerten Kunden beim „sportlichen“ Strom-Wettkampf in der Nachbarschaft macht klar: Aufgabe der Schweizer Stromversorger ist es, zu informieren, zu beraten und zu motivieren. Zwangsmassnahmen und Verbote sind für den VSE nicht zielführend – im Zentrum sollen freiwillige Massnahmen und die Eigenverantwortung der Stromkunden stehen. Die vielen kreativen Projekte zur Förderung der Energieeffizienz zeigen zudem, dass unter den Stromversorgern ein gesunder Wettbewerb am Entstehen ist.